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28.08.2009 - ÖKOLOGIE

Ökonomie für den Naturschutz

Bild: André Künzelmann/UFZ

(kso) "Ökonomie für den Naturschutz" lautet der Titel eines Memorandums, mit dem 19 Wissenschaftler und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) eine ökonomische Inwertsetzung ökologscher Leistungen sowie damit verbunden klare finanzielle Anreize zum Schutz der Natur in Deutschland fordern. Die Idee zum Memorandum entstand auf der BfN-Tagung "Ökonomie der Honorierung ökologischer Leistungen". "Wie beim Klimaschutz muss Naturschutz vermehrt durch ökonomische Anreize befördert werden", sagte Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Die traditionellen Instrumente des Naturschutzes reichten nicht aus.

"Es muss ein eigenständiges wirschaftliches Interesse an einem pfleglichen Umgang mit der Natur und an intakten Lebensgrundlagen entstehen, sonst werden wir damit unser wertvollstes Kapital verlieren", so BfN-Präsidentin Jessel. Die Kernforderungen des Memorandums lauten:
- Die biologische Vielfalt und die Leistungen, die Ökosysteme erbringen, stärker auch ökonomisch in Wert zu setzen
- klare ökonomische Anreize für den Schutz und die nachhaltige Nutzung unserer Lebensgrundlagen setzen;
- stärker ergebnisorientiert steuern;
- Synergien nutzen;
- neue Märkte für Naturschutz und naturschutzgerecht hergestellte Produkte schaffen;
- mehr Verantwortung für die Biodiversität auch über die Grenzen hinaus wahrnehmen.

"Märkte funktionieren nur dann zugunsten der Gesellschaft, wenn die richtigen Anreize gesetzt weden", sagt Prof. Ulrich Hampicke vom DUENE-Institut an der Universität Greifswald, Naturschutzökonom und einer der Sprecher der Memorandum-Initiative. Kurzfristige Gewinnmaximierung, das zeige die derzeitige Wirtschaftskrise überdeutlich, und Raubbau an der Natur bringen bestenfalls für einige Wenige kurzfristige Vorteile. Die Gesellschaft verliert. "Wenn die ökonomischen Anreize so gesetzt werden, dass Naturerhalt honoriert wird, werden die wirtschaftlichen Akteure selbst Ideen und Know-How entwickeln, um Naturschutz kostengünstig und effizient zu betreiben, im Einklang mit anderen wirtschaftlichen Zielen", erläutert sein Kollege Dr. Frank Wätzold vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) das Credo der Wissenschaftler.

Wie das praktisch funktionieren soll, zeigt das Memorandum u.a. am Beispiel der Landwirtschaft. Hier lautet die Forderung: Die Honorierung der Landwirte für Umwelt- und Naturschutzleistungen stärker abhängig machen von nachweisbaren Erfolgen. Für die Unterstützung der Landwirtschaft insgesamt soll gelten: Weniger Einkommenssubventionen ohne Gegenleistung, dagegen mehr Orientierung am Prinzip "public money for public goods", "öffentliches Geld für öffentliche Güter", insbesondere auch für den Schutz der Natur.

Nicht nur in der Landwirtschaft, auch im Überschneidungsbereich zwischen Klimapolitik und Natuschutz fehlt es nach Ansicht der Wissenschaftler an den richtigen Anreizen. Denn gerade auch unter ökonomischen Gesichtspunkten ist praktizierter Naturschutz aktiver Klimaschutz. So werden auf großer Fläche z.B. in Norddeutschland ehemalige Moorböden landwirtschaftlich genutzt. Dabei zersetzt sich der im Boden gebundene Kohlenstoff nach und nach und gibt dabei in erheblichem Umfang das Klimagas Kohlendioxid ab. Grünlandumbruch z.B. für zusätzlichen staatlich geförderten Energiemaisanbau verstärkt den Effekt.

Nach einer Studie unter Leitung von Prof. Hampicke wäre dagegen die Wiedervernässung solcher Flächen, eventuell kombiniert mit einer Holzbewirtschaftung auf der Basis der Schwarzerle eine sowohl wirtschaftlich als auch für den Naturschutz und das Klima günstigere Alternative. "Mit solchen Nutzungssystemen, die gleichzeitig zu mehr Naturschutz führen, könnte man Kohlendioxid zum "Schnäppchenpreis" einsparen: Mit etwa ein bis zwei Euro pro Tonne CO2 wäre das ungefähr 50mal billiger als eine entsprechende Einsparung durch Windenergie. Leider gibt es für solche Maßnahmen keine staatlichen Anreize", so Professor Hampicke.

Die Forderungen der deutschen Wissenschaftler stehen in Einklang mit den Zwischenergebnissen der von Deutschland und der Europäischen Kommission im Rahmen der deutschen G8-Präsidentschaft initiierten globalen "TEEB"-Studie (The Economics of Ecosystems & Biodiversity). Laut dem ersten Zwischenbericht dieser Studie, der im Mai 2008 bei der 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereikomens über die biologische Vielfalt in Bonn vorgestellt wurde, entstehen in Zusammenhang mit dem Verlust an biologischer Vielfalt bis 2050 durch Zerstörung von Regenwäldern und Reduzierung der Trinkwasserneubildung etc. Wohlfahrtsverluste in Höhe von mindestens 7 Prozent des jährlichen welweten Sozialprodukts.

Insbesondere ökonomische Instrumente werden vorgeschlagen, um dem entgegenzusteuern. Erste Ergebnisse der zweiten Phase der Studie werden im September von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, Umweltkommissar Stavros Dimas und dem Studienleiter Pavan Sukhdev vorgestellt. Laut Frau Jessel sei eine solche Studie auch für den Standort Deutschland anzustreben: "Wir brauchen eine Studie, die die ökonomische Bedeutung der biologischen Vielfalt auch für Deutschland aufzeigt und konkrete Maßnahmen für eine naturverträgliche Ausrichtung der Wirtschaft formuliert."


Mehr im Internet:
Memorandum "Ökonomie für den Naturschutz" 
Zwischenbericht der TEEB-Studie (The Economics of Biodiversity and Ecosystems) 2008 


 

 

 

 

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