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14.06.2006 - PSYCHOLOGIE

Kein kleiner Unterschied

Karen Heinze

Die roten Zonen des Hirns reagieren
besonders empfindlich auf Erotik
Bild: Washington Uni. School of
Medicine

Unser Hirn reagiert auf erotische Bilder sehr viel schneller, als auf alle anderen visuellen Stimulationen, ganz gleich wie angenehm oder unangenehm diese sind. Dies haben amerikanische Psychiater der Washington University of Medicine in St. Louis anhand von Experimenten herausgefunden. Das zweite überraschende Ergebnis der Studie von Ass.-Prof. Anokhin ist, daß die These, Männer seien das "starke visuelle Geschlecht" anscheinend zu revidieren ist. Zumindestens das weibliche Gehirn reagiert ebenso schnell auf Erotikbilder wie das von Männern, auch wenn es Frauen nicht bewußt wird, oder sie es nicht zugeben wollen.

Die Wissenschaftler maßen die Hirnstromaktivitäten von 264 Frauen, während sie eine Serie von 55 Farbdias anschauten, die in schnellen Intervallen je nur sechs Sekunden lang präsentiert wurden. Die Dias zeigten verschiedene Szenen, von Wasserskifahren bis hin zu erotischen Darstellungen. Während die freiwilligen Teilnehmerinnen die Dias betrachteten, maßen Elektroden Änderungen in der Hirnaktivität, die so genannten Event-Related Potentials (ERP), mit einem EEG. Moderne bildgebende Messverfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) und Positronenemissions- Tomographie (PET) sind zwar besser geeignet, den exakten Ort der Hirnströme zu lokalisieren. Gleichwohl hat ein EEG den Vorteil, die zeitliche Dimension von neuronalen Prozesse in Echtzeit zu dokumentieren. Erotische Bilder provozieren demnach eine sehr viel schnellere und stärkere Reaktion als alle anderen Bilder.

"Das hat uns überrascht", sagt Andrey P. Anokhin. "Wir waren eigentlich davon ausgegangen, daß angenehme und irritierende Bilder eine schnelle Reaktion auf den visuellen Stimulus erzeugen würden, aber erotische Szenen provozieren immer die stärkste Reaktion von Hirnaktivitäten." Das Hirn beginnt sehr schnell, das visuelle Bild zu klassifizieren und Signale abzufeuern, und zwar lange bevor die Person sich selbst bewußt wird, ob das betrachtete Bild als angenehm oder unangenehm oder neutral empfunden wird.  Wenn das Bild erotisch ist,  feuert das Hirn 20 Prozent schnellere ERPs in nur 160 Millisekunden ab, als bei anderen Bildern.

In der Vergangenheit haben Ergebnisse von psychologischen Studien nahegelegt, daß Männer eher visuell orientiert sind als Frauen und von erotischen Bildern schneller erregt werden. Wenn man Männer und Frauen befragt, schätzen Männer subjektiv erotisches Material eher als Frauen. Die vorliegende Studie widerlegt nun die Theorie, daß Frauen auf visuelle Reize gar nicht, langsamer oder weniger stark reagieren. Das weibliche Hirn beginnt im Gegenteil außerordentlich schnell mit der visuellen Reizverarbeitung. Es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede, so die Forscher.

Über die Ursachen kann Anokhin nur spekulieren; wahrscheinlich sei, dass das Gehirn im Laufe der Evolution gelernt habe, für die Fortpflanzung bedeutsamen Reizen eine höhere Priorität zuzuordnen und sie dementsprechend zu verarbeiten. Ungeklärt ist bisher, warum Männer emotional und kognitiv erotische Bilder anders verarbeiten als Frauen.


Mehr im Internet:
Washington Uni. of Medicine, St. Louis, Dep. of Psychiatry   
Visuelle Wahrnehmung    
Visuelle Kultur und Gender  
Event-related Potentials


 

 

 

 

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