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19.04.2007 - ANTHROPOLOGIE

Sprechende Knochen

Susanne Wedlich

Freiwillige Vegetarier? Die gab es in der Frühen Neuzeit vermutlich noch nicht. Aber auch aus der Not geborener Fleischverzicht war in dieser kritischen Phase des Übergangs vom Mittelalter zur Moderne wohl eher selten, sagt Diana Peitel. Die Anthropologin hat in ihrer Dissertation an der Freien Universität Berlin überraschend zeigen können, dass sich die Menschen der Frühen Neuzeit nicht schlechter ernährten als im Mittelalter. "Gute Ernährung wurde damals nicht mit der ausgewogenen Kost von heute, sondern in erster Linie mit dem Konsum tierischer Produkte gleichgesetzt - und das Mittelalter galt als Hochzeit des Fleischverzehrs", sagt Diana Peitel. "In der Frühen Neuzeit kam es aber zu einer Bevölkerungsexplosion, so dass weniger Weideflächen für die Viehhaltung zur Verfügung standen. Deshalb galt bislang als gesichert, dass pflanzliche Kost stark an Bedeutung gewann."

Für einige zu damaliger Zeit relativ dünn besiedelte Landstriche Brandenburgs und Teile Mecklenburg-Vorpommerns galt dies aber wohl nicht. Denn in diesen Gegenden lebten zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert jene Populationen, deren Knochen Diana Peitel einer chemischen Analyse unterzog, um die Ernährung dieser frühneuzeitlichen Menschen zu rekonstruieren. So stammte eine der Populationen aus der ländlichen Ortschaft Tasdorf, eine weitere aus der Stadt Brandenburg an der Havel und die letzte schließlich aus der Küstenstadt Anklam in Mecklenburg-Vorpommern.

Besonders aussagekräftig sind dabei die Mengenverhältnisse der Elemente Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff. "Sie kommen in tierischen und pflanzlichen Produkten in unterschiedlicher Menge vor", sagt die Anthropologin. Dabei zeigte sich, dass bei allen drei Bevölkerungen pflanzliche wie auch tierische Produkte auf dem Speiseplan standen. Die Brandenburger konnten sich aber deutlich mehr Fleisch leisten als etwa die Tasdorfer - ein Hinweis auf die günstigeren Lebensbedingungen der Städter. Bestätigt wird deren bessere wirtschaftliche Position paradoxerweise auch durch die Schadstoffbelastung der Knochen. Möglicherweise hatten die Stadtbewohner besseren Zugang zu Medikamenten, die häufig mit dem Gift versetzt waren - oder sie tranken einfach mehr Wein. Der lagerte nämlich in Fässern, die mit Arsen gereinigt wurden.

Bei den Tasdorfern Kindern berichten die Knochen von einer Verschlechterung der Lebensumstände im Alter von fünf bis sechs Jahren, als diese wohl zu körperlicher Arbeit herangezogen wurden. In Brandenburg dagegen fand der Eintritt in das Erwachsenenleben wohl erst mit sechs bis zehn Jahren statt.


Mehr im Internet:
FU Berlin, Institut für Anthropologie und Humanbiologie
Ein Blick auf die Ernährung im Mittelalter, scienzz 08.03.2007


 

 

 

 

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