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22.02.2008 - WAHLFORSCHUNG

Der Charme der Radikalen

(jtu) Bei der Bundestagswahl 2005 hat sich der durchschnittliche Wähler für eine Partei entschieden, deren sozialpolitische Position deutlich weiter von der politischen Mitte entfernt lag als seine eigene. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Politikwissenschaftlers Michael Herrmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) an der Universität Mannheim. "Wir sprechen in solchen Fällen von abweichendem Verhalten moderater Wähler", erklärt Herrmann. "Viele Menschen haben radikaler gewählt, als ihnen eigentlich lieb ist."

Genützt hat diese scheinbare Radikalisierung laut Herrmann kleinen Parteien, die in den Hauptfragen des Wahlkampfes verhältnismäßig radikal Stellung bezogen. Da der Bundestagswahlkampf 2005 stark von den sozialpolitischen Themen rund um die Agenda 2010 geprägt war, punktete sowohl Die Linke mit ihrer strikt sozialstaatlichen Position, als auch die FDP mit ihrer marktradikalen Linie. Beide schnitten 2005 mit 8,7 (Die Linke) und 9,8 Prozent (FDP) deutlich stärker ab, als es die in der Bevölkerung gemessenen Parteipräferenzen nahelegten. Verlierer waren die großen Volksparteien sowie die Grünen, die sich in der öffentlichen Debatte moderater positioniert hatten.

Der Wähler neigt unter bestimmten Bedingungen also offenbar zum Extrem. Aber warum? Michael Herrmann hat eine mögliche Erklärung gefunden: "Die Wähler mit abweichendem Verhalten sind eigentlich mit den Positionen von Union und SPD zufrieden. Sie glauben aber offenbar nicht an deren konsequente Umsetzung und entscheiden sich daher für eine extremere Alternative." Eine tiefgehende ideologische Spaltung der Wählerschaft lasse sich aus den Ergebnissen aber nicht ablesen, so der Politikwissenschaftler. Auch deuten Herrmanns Analysen nicht darauf hin, dass die Unterstützung für kleine Parteien von großer Dauer sein muss. Die Entscheidung für extremere Positionen entspringe in der Regel kurzfristigen wahltaktischen Erwägungen, so Herrmann.


Mehr im Internet:
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung
Über Ungleichheit und Ungerechtigkeit, scienzz 15.09.2005


 

 

 

 

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